Karfreitag 2010 - „…so hilf dir selber!“ - die zynische Verhöhnung des Leidenden

Auch in diesem Jahr hat sich die Centrum-Moschee an der Kreuzwegandacht an der mittelalterlichen Kreuzigungsgruppe von St. Georg beteiligt. So beten Christen und Muslime gemeinsam zu ihrem Schöpfer, denn Jesus von Nazaret spielt im Koran eine höchst bedeutsame Rolle. 15 Suren erwähnen ihn, über 100 Verse sind ihm gewidmet. In Jesus sieht der Islam buchstäblich den Erfüller des mosaischen Gesetzes, der den Weg freimacht für die von Muhammad getragene Offenbarung.
Die Kreuzwegandacht fand in diesem Jahr unter dem Titel „…so hilf dir selber!“  - die zynische Verhöhnung des Leidenden“ statt.

Es gab Themenimpulse zur Obdachlosigkeit (Michael Struck, Neue Wohnung e.V.), zur Selbsthilfearbeit (Michael Hansen, Kreuzbund Hamburg) und zur Not der Menschen in Abschiebehaft (Pastor Clement Bonsu). Lesungen aus Psalm 17 und Markus 15 wurden vorgetragen, Gemeindegesang und ein Trompetensolo begleiteten die Andacht. Fürbittengebete für die Welt (Imam Hüseyin Nas), für unsere Stadt (Pastor Kay Kraak) und für unsere Gemeinden (Mechthild Bremer) wurden gesprochen. Zum Abschluss sprach Pastor Gunter Marwege das Vater Unser und es gab im Anschluss Tee und Brot in der Turmkapelle.


Wortlaut des muslimischen Fürbittengebets:
O Allah, unser aller Schöpfer,
Du bist der Friede und der Friede ist von Dir.
Du liebst den Frieden – lasse uns zu den Friedlichen gehören. Gib den Menschen auf der Welt Frieden mit sich selbst, Frieden mit den Mitmenschen und Frieden mit Ihrer Umwelt.
Du liebst die Gerechtigkeit – lasse uns zu den Gerechten gehören. Gib den Menschen die Vernunft zur Abkehr von Gewalt und Intoleranz und zur Hinwendung zum Frieden.
Mache uns zu Vorbildern in dieser Gesellschaft, welche einen friedlichen Umgang miteinander vorleben und die Fähigkeit haben, einander zuzuhören und voneinander zu lernen.
Zu Deinen Zeichen gehört die Schöpfung der Himmel und der Erde und die Verschiedenheit unserer Sprachen und Farben (Sure 30:23)
Du hast uns in Vielfalt erschaffen, um einander kennen zu lernen
(Sure 49:13)
Bewahre die Menschen unserer Welt vor Intoleranz und Gewalt und hilf Ihnen, die Vielfalt als Bereicherung zu sehen, um nicht nur einander, sondern auch sich selbst kennen zu lernen, denn „wer sich selbst kennt, der erkennt seinen Schöpfer und Erhalter.“(Hadis)

Wir gedenken heute Deinem treuen Diener Jesus, für den die Nächstenliebe von herausragender Bedeutung war.
Stärke die Liebe der Menschen füreinander und hilf Ihnen einander in gegenseitigem Respekt zu begegnen.
Lasse die Menschen nicht nur ihr eigenes Wohl im Auge haben, sondern sich für andere einsetzen.
Immer mehr Menschen auf der Welt müssen sich um Ihre Zukunft und ihren Lebensunterhalt sorgen, immer mehr Menschen sind Naturkatastrophen und verschiedenen Leiden und Lastern ausgesetzt, hilf uns die Not des Nächsten zu erkennen und konkrete Hilfe zu leisten.
Mache uns zu Menschen, die aufeinander zugehen und mitfühlend sind.
Stärke unseren Glauben und gib uns einen klaren Verstand und einen wachen Geist gegen all jene, welche Unfrieden auf dieser Welt stiften und gegen all jene die Religionen zu ihren Zwecken missbrauchen.
Bewahre uns vor Hochmut und vor dem Wunsch den anderen zu übervorteilen, denn erst wenn wir aufhören, uns als Zentrum aller Werte zu betrachten, können wir anfangen, den Anderen zu verstehen.
Öffne unsere Augen, öffne unsere Ohren, öffne unsere Herzen und öffne unseren Geist für den Frieden mit den Mitmenschen, für den Frieden mit uns selbst, für den Frieden mit der Schöpfung und vor Allem: für den Frieden mit Dir.
O Allah, Du Barmherzigster aller Barmherzigen, wir kommen von Dir und zu Dir ist unser aller Rückkehr. Dir allein dienen wir und dich allein rufen wir um Hilfe. Erhöre unsere Gebete und nehme Dich unserer an. (Sure 1:5)
Amin!
Das Gemeinschaftsgebet am Karfreitag soll Nachbarschaft und das gegenseitige Kennen- lernen von Muslimen und Christen fördern. Gemeinsamkeiten werden ebenso wie Trennendes benannt und es wird ein respektvoller Umgang auf selber Augenhöhe gepflegt.
Jesus, im Koran Isa genannt, der Sohn Marias, wird im Koran mit Ehrentiteln und Würdenamen ausgezeichnet. Er ist Prophet, vor allem aber auch Gesandter – dies ist ein hoher Titel, denn nur diejenigen, die eine Buch- Offenbarung erhalten haben erhalten diese Bezeichnung.
Jesus wird im Koran „al-masih“ – der Messias genannt – aber dies meint keine göttliche Würde oder heilsgeschichtliche Sendung, sondern meint den von der Sünde gereinigten oder Gesegneten.

Jesus wird im Koran auch „kalima tullah“ – Wort Gottes, genannt, doch meint dies keine „göttliche Person“ sondern Gottes Schöpferwort, auf das Jesus sich bezieht;

Jesus wird im Koran auch „ruh min Allah“ – Geist von Gott, genannt, doch auch dies nicht als Beweis für die Göttlichkeit Jesu, sondern als Zeichen von Gottes Allmacht;

Jesus wirkt im Koran schon früh Wunder, doch wirkt er alle Wunder mit Erlaubnis und Macht Gottes: als der Diener Gottes – was aber im Grunde jeder Mensch ist.

Doch einen Titel können wir im Koran nicht vorfinden – der Sohn Gottes, da eine leibliche Abstammung von Gott für Muslime undenkbar ist und der Überzeugung von einem Transzendenten Gott widerspricht. Im Koran wird deshalb Jesus nie “Sohn Gottes“ genannt, wie auch unter den „99 schönen Namen“ Gottes, die Bezeichnung „Vater“ nicht vorzufinden ist.

Ein weiterer Punkt des Unterschiedes ist die Kreuzigung:
Der Koran sagt hierzu: “Und weil sie sprachen: Siehe, wir haben den Messias Jesus, den Sohn der Maria, den Gesandten Allahs, getötet“ – doch sie töteten ihn nicht und kreuzigten ihn nicht, sondern es erschien ihnen nur so. Und siehe, diejenigen, die darüber uneins sind, sind wahrlich im Zweifel über ihn. Sie wissen nichts davon, sondern folgen nur Vermutungen. Und sie töteten ihn mit Gewissheit nicht.“ (Sura Nisa 4:157) So sind die Muslime der Überzeugung, dass Jesus nicht am Kreuze starb.

Doch die vorhandenen Unterschiede dürfen weder zu Unfrieden zwischen den Gemeinden führen, noch den gegenseitigen Respekt schmälern, wissen wir doch, dass die Gemeinsamkeiten überwiegen und, dass der Islam stets den friedvollen Umgang miteinander predigt.

Der Glaube an den Einen Schöpfergott ist wie ein starkes Band zwischen uns, das nie zerreißt. Wer sich an ihm festhält, geht niemals vom richtigen Weg, der zu Gott – Allah führt, ab.

Allah hört, was die Zungen aussprechen und weiß, was die Herzen in sich tragen. Der Gläubige, der dies erkennt, hütet sich vor Ungerechtigkeiten im Tun und Denken.

Möge uns Allah(t) die Bedeutung des Gebetes allzeit bewusst machen, unsere Gebete annehmen und unsere Fehler vergeben. Er möge unsere Herzen mit Seinem Licht erleuchten und uns Verlangen danach geben, unsere Gebete verrichten zu wollen. Allah (t) möge uns bei Vergesslichkeit verzeihen und uns Seinen Lohn für unsere aufrichtige Absicht geben, nach Seinem Wohlwollen zu streben.

Amin.

 

 

Bündnis der islamischen

Gemeinden in

Norddeutschland e.V.

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